Einige Highlights des Everglades Nationalparks durften wir bereits am Vortag erkunden und erleben. Doch eins fehlt uns noch auf der Liste „Dinge, die man in den Everglades gemacht haben muss“: Eine Airboat-Fahrt.
Auf der US 41 bzw. dem Tamiami Trail, auf den wir rund 37 Kilometer nördlich von Florida City abbiegen, gibt es eine Vielzahl von Anbietern für solch ein Abenteuer. Wir entscheiden uns nach einigen Recherchen für die Buffalo Tiger’s Airboat Rides (29701 SW 8th St, Miami, Web). William „Buffalo“ Tiger war laut Website nicht nur Gründer dieser Airboat-Touren, sondern auch der letzte der traditionellen Häuptlinge des Miccosukee-Volkes. Seine Vision war es über sein Volk und seine geliebte Heimat, die Florida Everglades, aufzuklären. Diese Vision wird nach Angaben des Veranstalters im Rahmen der angebotenen Touren fortgeführt.


Die Touren finden sieben Tage die Woche von 9 bis 17 Uhr statt und kosten zwischen 45 und 50 Dollar. Onlinebuchungen sind mittlerweile möglich. Die Tickets sind schnell gekauft und die Ohrstöpsel eingesteckt – noch nicht ahnend, warum diese sehr nützlich sein werden. Kaum haben wir auf einer der Sitzreihen im Boot Platz genommen, geht die Fahrt auch schon los. Und wir merken sofort, warum wir Ohrstöpsel brauchen und diese Luftkissenboote mit dem riesigen Propellerantrieb nur außerhalb des Nationalparks fahren dürfen: Sie sind extrem laut und schnell. Objektiv betrachtet sind sie ein Grauen für alle dort lebenden Tiere, aber häufig das einzige Fortbewegungsmittel in den Sümpfen – wenn man von der Nutzung als Touristenattraktion absieht. Während Vögel schnell Reißaus nehmen, scheinen sich die Alligatoren schon daran gewöhnt zu haben. [Nachtrag: Mittlerweile gibt es Airboats mit einer Lautstärke von nur 55 Dezibel, die Sumpf-Erkundungen ermöglichen, ohne die Tier- und Pflanzenwelt zu stören.[4]]



Gänsehaut-Erlebnis
Nach einigen Kurven über das Wasser und Manövern durch das Schilf bleibt das herumsausende Airboat langsam stehen. Die Guides schmeißen Futter ins Wasser und warten. Wir warten mit ihnen und lassen unsere Blicke erwartungsvoll über das Wasser schweifen. Bis wir mehrmals blinzeln, um es glauben zu können: Zwischen dem Schilf kommt ein Alligator auf uns zugeschwommen. Keine zwei Meter von uns entfernt bleibt er seelenruhig im Wasser liegen – als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun.
Er wird gefüttert und von uns dabei ganz genau beobachtet. Wir studieren seinen Atem, schauen den sich öffnenden und schließenden Nüstern zu und verfolgen angespannt jede seiner noch so winzigen Bewegungen. Der Anblick ist faszinierend und angsteinflößend zugleich, sodass wir etwas erleichtert durchatmen, als sich das Airboat langsam wieder in Bewegung setzt und wir den Alligator hinter uns lassen. Die etwa 35-minütige Fahrt endet an einem Steg, der zu Stelen und schilfbedeckten Picknicktischen führt. Hier erhalten Besucher einen Eindruck von der Kultur der Miccosukee.


Achtung, Tiere auf der Fahrbahn
Während sich hartnäckig ein Rest Gänsehaut von der beeindruckenden Alligator-Begegnung hält, laufen wir zurück zum Parkplatz, steigen ins Auto und fahren den Tamiami Trail weiter. Der Name dieser ersten Straße Südfloridas ist eine Abkürzung und setzt sich aus seinem End- und Anfangspunkt zusammen: Tampa – Miami. Der Bau der Straße begann bereits 1915, wurde aber aufgrund des sumpfigen Gebietes sowie teilweise hüfttiefen Wassers immer wieder abgebrochen und sogar zeitweise für unmöglich befunden. Erst durch den Einsatz von Dynamit und dem Auffüllen der dadurch entstandenen Gräben mit Kies und Steinen wurde eine nicht mehr versinkende Fahrbahn geschaffen. 1928 konnten schließlich die ersten Autos den Tamiami Trail passieren.[1]
Mittlerweile ist der Highway geteert und erhielt die Bezeichnung US 41. Am Straßenrand ziehen einige Verkehrsschilder an uns vorbei, die uns an sich unbekannt sind, aber sich erklären lassen. Sie weisen darauf hin, dass Alligatoren, Pelikane, Rehe und Schildkröten in den Everglades unterwegs sind und den Fahrtweg kreuzen könnten. Ein gelbes Schild mit einem schwarzem Panther macht uns jedoch sehr stutzig. Unsere Recherchen ergeben, dass es sich dabei um den fast ausgestorbenen nordamerikanischen Puma (hier „Panther“ genannt) handelt, der nur noch in Südflorida beheimatet ist. Durch die Einengung seines Lebensraums und die sinkende Anzahl an Fressfeinden ist der Bestand der Raubkatze auf 50 bis 70 Exemplare zurückgegangen.[2] Umso wichtiger, dass sie nicht zusätzlich durch zu schnell fahrende Autos dezimiert werden.
Klein, aber oho
Wir fahren bis Ochopee und legen dort einen kurzen Halt ein. Hier steht das kleinste Postamt der USA. Ursprünglich war es der Schuppen einer Tomatenfarm. Als jedoch ein verheerendes Feuer viele Gebäude, einschließlich des Postamts von Ochopee, zerstörte, wurde es 1953 in Betrieb genommen und wird seitdem ununterbrochen als solches genutzt. In diesem unscheinbaren, weißen Häuschen sitzt ein Postbeamter und nimmt fast täglich Postkartengrüße von Touristen oder den rund 900 in der Gegend lebenden Indianern, Jägern und Fischern entgegen.[3] Zusätzlich dient es als Fahrkartenschalter für die Trailway-Buslinien.


Auf der US 41 erreichen wir nach fünf Minuten die Abzweigung zur County Road 29, die in den Süden nach Everglades City und Chokoloskee führt. Wir fahren soweit die Straße reicht, über den Smallwood Dr, bis ans „Dead End“. Es ist erfrischend zu sehen, dass der Tourismus hier in der Gegend noch nicht Einzug gehalten hat.
Wir setzen uns ortseingangs beim „The Fishing Hole“ ans Ufer der nicht mal 1 km² großen Insel Chokoloskee und genießen die Ruhe. Wir hören nur das Rauschen des Wassers und die auf den Holzpfählen sitzenden, braunen Pelikane. Genau wie Everglades City ist auch Chokoloskee ein guter Ausgangspunkt zum Fischen und für Ausflüge in das Mangroven-Labyrinth der „Ten Thousand Islands“.[2] So schön die Gegend auch ist, machen wir uns schweren Herzens auf den Weg zu unserem Hotel im etwa 70 Kilometer entfernten Naples.
Unser Fazit: Ob man an einer Airboat-Tour teilnimmt oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Abgesehen von der Lautstärke, war es für uns ein tolles Abenteuer, an das wir uns auch später noch gerne erinnert haben. Kaum anderswo erlebt man das Sumpfgebiet so hautnah.
Quellenangaben:
[1] Florida, VISTA POINT Verlag GmbH, Potsdam 2017, 11. Auflage, ISBN 978-3-95733-637-8, Seite 130
[2] Florida, VISTA POINT Verlag GmbH, Potsdam 2017, 11. Auflage, ISBN 978-3-95733-637-8, Seite 131
[3] Florida, KARL BAEDEKER GmbH, Ostfildern 2018, 13. Auflage, ISBN 978-3-8297-4640-3, Seite 92
[4] https://boatblissblog.com/de/was-ist-ein-airboat/ (letzter Abruf: 08.02.2026)