Amerika 2016 // Tag 5: Insel mit eigenem Spirit

Die Sonne weckt uns und nach einem kleinen Frühstück stehen wir auch schon auf dem von den Wurzeln der Banyanbäume zerfurchten Bürgersteig und beginnen, den ersten Teil von Key West zu erkunden. Unser Hotel liegt im Südwesten. Unser erster Weg führt uns daher zum nur 350 Meter entfernten Southernmost Point. Er gilt als der südlichste Punkt der USA und als eines der meistfotografierten „Sehenswürdigkeiten“ von Key West. Von diesem Punkt aus sind es nur 90 Meilen (144 Kilometer) bis Kuba, sodass schon einige Menschen den Weg zum anderen Ufer schwimmend übers Wasser zurückgelegt haben.[1]

Das Flair genießen

Von dort aus schlendern wir weiter zum Fort Zachary Taylor Historic State Park. Der 35 Hektar große Park wurde nach der dort erbauten Festungsanlage benannt, mit deren Bau bereits 1845 begonnen wurde[2] und die bis 1866 Teil des amerikanischen Seeverteidigungssystems war.[3] Erst über 21 Jahre später und nach dem Verlust zahlreicher Menschenlebe war die Anlage fertiggestellt. Heute ist sie ein Museum „über Amerikas umfangreichste Sammlung von Waffen aus der Zeit des Bürgerkriegs“.[2] Zwischen den Festungsmauern und dem Atlantik erstreckt sich der Fort Zachary Taylor Beach. Während der Korallenkies zwar nicht zum ausgiebigen Strandspaziergang einlädt, kann man im Wasser oder an den Picknicktischen wunderbar die Zeit genießen. (Ein kleiner Kiosk sowie sanitäre Einrichtungen sind vorhanden.)

Und genau das machen wir auch. Wir genießen die Zeit und erleben die entspannte Lebensweise der Insel. Wir sitzen im Schatten, beobachten die riesigen Passagierschiffe, die aus dem Fort Zachary Cruise Pier wieder in See stechen, essen leckere Sandwiches, kühlen unsere Füße im türkisfarbenen Wasser – und flüchten am späten Mittag vor der Sonne auf unser Hotelzimmer. An die sengende Hitze Floridas haben wir uns wohl noch nicht so recht gewöhnt.

Im Zentrum des Treibens

Mit neuer Kraft begeben wir uns am späten Nachmittag ins Zentrum von Key West. Sie gilt mit ihrer Gründung im Jahr 1829 nicht nur als älteste Stadt in ganz Südflorida, sondern war um 1890 sogar die reichste.[4] Die Weltwirtschaftskrise 1929 änderte diesen Zustand jedoch schlagartig. Allein dem Plan, mit öffentlichen Mitteln aus Key West einen Touristenort zu machen, ist es zu verdanken, dass der Insel eine neue Perspektive gegen Armut und hohe Arbeitslosigkeit gegeben wurde.[4]

Mittlerweile ist der Tourismus fast an jeder Ecke zu spüren. Aber man merkt auch, dass sich Key West mit seinen zerfurchten Bürgersteigen und pflanzenüberwucherten Häusern grundlegend vom amerikanischen Mainstream unterscheidet.[5] Kein Wunder also, dass sich vor allem (Lebens-)Künstler, Exzentriker oder ausgestiegene Manager, die die Freiheit der Insel[6] und den berühmten „Key Spirit“ lieben, hier niederlassen.[7]

Der berühmteste Zeitgenosse seiner Zeit ist Ernest Hemingway. Sein villenähnliches Anwesen in der 907 Whitehead Street (Hemingway Home & Museum), in dem er von 1931 bis 1940 wohnte, kann man besichtigen und auf sich wirken lassen. Für die heutige wie damalige Zeit strahlt es – vor allem dank Hemingways gut betuchter Ehefrau – durch das 4.000 m² große Grundstück, dem um das Haus verlaufenden Balkon und den 20 Meter langen Meerwasserpool ungeteilte Extravaganz aus.[8]

Ungewöhnlicher Mix aus Tradition und Tourismus

Wir laufen geradewegs die Duval Street in nordwestliche Richtung und fühlen selbst das außergewöhnliche Flair von Key West. Die zur Altstadt gehörende Straße bietet eine bizarre Mischung aus alten Gebäuden, wie dem aus dem Jahr 1918 stammenden Strand Theater (527 Duval St.), und bunten Souvenirläden.[9] Zwischendurch erinnern Bars und Kneipen, wie zum Beispiel das Sloppy Joe’s, an frühere Tage. Sloppy Joe bzw. eigentlich Joe Russell war Gelegenheitsschmuggler und eng mit Ernest Hemingway befreundet. Insbesondere aufgrund dieser Freundschaft ist das Lokal heute unter Touristen sehr beliebt – auch wenn es sich nicht mehr an seinem ursprünglichen Standort befindet (428 Greene Street).[9]

Am Ende der Duval Street biegen wir nach links zum Mallory Square ab. Während Händler ihre Waren feilbieten, Straßenkünstler ihr Können zur Schau stellen und Handleser in die Zukunft schauen, ist er vor allem Treffpunkt für ein allabendliches Ritual: Seit den 1960er-Jahren versammeln sich hier die Menschen, um die im Golf von Mexiko untergehende Sonne zu bejubeln und zu beklatschen. Egal, wie viele Menschen tatsächlich lauthals jubeln, der Blick ist traumhaft![10] Und macht deutlich, warum die Kubaner im 19. Jahrhundert die Insel „stella maris“ („Insel des Meeres“) nannten.[11]

Künstler und Freigeister

Die Nacht hält langsam Einzug, doch von Ruhe ist Key West weit entfernt. Die Souvenirläden versuchen mit blinkenden Schildern und die Bars mit lauter Musik die Touristen hineinzuziehen. Künstler bieten an jeder Ecke ihre Werke an, oder erschaffen sie vor aller Augen gerade erst am Straßenrand. Eins ist sicher: Auf Key West gibt es viel zu entdecken, zu erkunden und zu erleben.

Wie der für die Herrichtung von Key West zu einem Touristenort verantwortliche Bundesbeamte um 1935 schon sagte, reicht ein Tag für eine Besuch bei Weitem nicht aus: „Um Key West und seine Architektur, die Gassen und Wege, die freundlichen Menschen und die gesamte Schönheit wirklich kennenzulernen, muss der Besucher wenigstens mehrere Tage in der Stadt verbringen. […]“[10] Leider hält Florida noch viele weitere Highlights bereit, sodass wir es bei dem einen Tag belassen und den Abend mit dem Spaziergang zurück zum Hotel ausklingen lassen.


Unser Fazit: Key West ist ein ganz einzigartiges Städtchen und vereint Natur, Geschichte, Kunst sowie Eigensinnigkeit wie wohl kaum ein anderes. Es lohnt sich, an den verschiedensten Stellen innzuhalten und die Atmosphäre in sich aufzunehmen.

Die Unterkünfte auf Key West sind je nach Reisezeitraum recht teuer und sehr nachgefragt. Etwas günstiger ist es unter der Woche. Vorausplanen und -buchen hilft dabei, den Geldbeutel zu schonen.

Quellenangaben:
[1] Florida, VISTA POINT Verlag GmbH, Potsdam 2017, 11. Auflage, ISBN 978-3-95733-637-8, Seite 104
[2] Miami & Florida Keys, National Geographic Buchverlag GmbH, München 2018, ISBN 978-3-95559-246-2, Seite 255
[3] Florida, KARL BAEDEKER GmbH, Ostfildern 2018, 13. Auflage, ISBN 978-3-8297-4640-3, Seite 146
[4] Miami & Florida Keys, National Geographic Buchverlag GmbH, München 2018, ISBN 978-3-95559-246-2, Seite 245
[5] Miami & Florida Keys, National Geographic Buchverlag GmbH, München 2018, ISBN 978-3-95559-246-2, Seite 238
[6] Miami & Florida Keys, National Geographic Buchverlag GmbH, München 2018, ISBN 978-3-95559-246-2, Seite 240
[7] Florida, KARL BAEDEKER GmbH, Ostfildern 2018, 13. Auflage, ISBN 978-3-8297-4640-3, Seite 144
[8] Miami & Florida Keys, National Geographic Buchverlag GmbH, München 2018, ISBN 978-3-95559-246-2, Seite 257
[9] Miami & Florida Keys, National Geographic Buchverlag GmbH, München 2018, ISBN 978-3-95559-246-2, Seite 259
[10] Miami & Florida Keys, National Geographic Buchverlag GmbH, München 2018, ISBN 978-3-95559-246-2, Seite 246
[11] Miami & Florida Keys, National Geographic Buchverlag GmbH, München 2018, ISBN 978-3-95559-246-2, Seite 239

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