Immer wieder Sonntag(s) – Ein Leben in Quarantäne

Jeder Tag fühlt sich mit Blick aus dem Fenster wie ein Sonntag an. Die Straßen sind leer gefegt, die Stadt ist eingehüllt in eine eigenartige Ruhe. Von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr wie es war. Und auch wenn wir es für den Moment nicht wahrhaben wollen, es wird auch nie wieder so sein, wie vorher. Unsere Wertschätzung für die Dinge, die wir tun (dürfen), wird eine andere sein.

Was wir vorher kaum eines Blickes gewürdigt oder zu schätzen gewusst haben, tritt nun ins Rampenlicht. Wann saß ich zuletzt auf dem Balkon, habe die Beine hochgelegt und einfach nur in den Himmel geguckt? Begleitet von zwitschernden Vögeln, die völlig ungestört und unbeeindruckt von der derzeitigen Situation, herumsausen.

Freiheit wird neu definiert

Der Begriff von Freiheit wird eine ganz neue Bedeutung kriegen. Viele Ostdeutsche hört man sagen, dass das Aktuelle in Teilen dem bereits zu DDR-Zeiten Erlebten ähnelt. Das Gefühl der Einschränkung – egal ob es um das Reisen, Lebensmittel oder den Lebensunterhalt geht. Die Ausgangssperre verlangt uns Einiges ab. Stichwort Disziplin. So diszipliniert zu sein, kennen wir eigentlich nur aus der Schulzeit. Doch statt dem Lehrer hören wir auf Politiker und Medien. Abstand halten, Maske tragen und peinlich genau auf jegliche Handhygiene achten. Neue Regeln begleiten uns von nun an durch den Alltag.

Trotzdem hilft mir die Quarantäne. Sie hilft mir dabei, mein Leben zu entschleunigen. Sonst gehetzt von Job, Terminen, Haushalt und anderen Verpflichtungen ist endlich mal wieder Zeit, sich auf das eigene Wohlergehen zu konzentrieren. Was tut mir gerade gut? Was hilft mir insbesondere jetzt, die beschwerliche Situation besser zu bewältigen?

Übergroße Dankbarkeit

Wenn wir zu den glücklichen Menschen gehören, die ihrem Job weiterhin nachgehen dürfen, vielleicht sogar in gleichem Ausmaße fortführen können, erfüllt uns im Moment übergroße Dankbarkeit. Dankbar dafür, keine großen Einschnitte hinnehmen zu müssen. Abgesehen davon, dass sich alles irgendwie ungewohnt anfühlt. Statt nach dem Frühstück auf die Bahn zu rennen, um pünktlich im Büro anzukommen, setze ich mich an den keine fünf Meter entfernten Schreibtisch im Nachbarzimmer. Meinen Kollegen winke ich nur virtuell ein „Hallo“ zu. Mir gegenüber sitzt nämlich mein Ehemann, dem es genauso geht wie mir – Wir befinden uns beide im Home Office.

So dankbar wir für den Job sind, so sehr nervt es uns auch. Unsere Kollegen am Telefon reagieren regelmäßig auf die Aussagen unseres Partners, weil sie uns gegenseitig hören. Zu kurz ist die Entfernung von uns beiden. Zum Mittagessen geht es in die kaum weiter entfernte Küche. Mit Glück ist schönes Wetter, sodass zumindest etwas frische Luft an diesem Tag auf dem Balkon für ein paar Minuten garantiert sind.

Feierabend – und dann?

Ist der Feierabend gekommen und der Laptop zugeklappt, fehlen die Kollegen. Auf dem Weg aus dem Büro kann ich keinem zuwinken und ihm noch einen schönen Abend wünschen. Wir treffen uns nicht mehr auf einen Plausch – und schon gar nicht auf einen Feierabendtrunk. Das Miteinander fehlt. Stattdessen überlege ich, was es auf dem Herd (selber kochen oder Fast Food?) und in der Glotze gibt (Netflix oder Amazon?).

Der Alltag ist eintönig geworden. Glück für diejenigen, die nicht alleine wohnen und sich hervorragend mit ihrem Mitbewohner verstehen – auch auf engstem Raum. Durchhalten heißt es jetzt! Und sich für jeden Tag ein Highlight überlegen – um dem „4-Wände-Blues“ voller Kraft entgegenzutreten.

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