Schweden 2019 // Tag 4: Endlose Weite

Die Stromversorgung ist gekappt, unsere Sachen gut verstaut und die heutige Route weitestgehend geplant. Es kann also losgehen. Zunächst fahren wir zurück auf die Straße 49 und biegen bei Hultet auf die 202 nach Forsvik ab – unser erstes Ziel.

Forsvik liegt zwischen den Seen Viken und Bottensjönam am Göta Kanal. Eine ideale Lage, um sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Industriestandort zu entwickeln. Die 600 Jahre alte Mühle (Forsvik Bruk) sowie das Sägewerk, die Gießerei und der Schmiedeofen zeugen von dieser Zeit.[1]

Heute ist das Areal ein Museum und kann besichtigt werden. Es erhielt sogar die Auszeichnung „Industriedenkmal des Jahres 2008“. Nicht zuletzt, weil es auch die älteste Schleuse und die älteste Klappbrücke des Kanals (mit Café) besitzt. Außerdem wurde in der dortigen Bootswerft der Raddampfer namens „Erik Nordevall“ aus dem Jahr 1837 nachgebaut. Das noch immer im Vättern versunkene Original konnte nur mit Unterstützung von Tauchern vermessen und so „zum Leben wiedererweckt“ werden.[2]

Winken und Boote gucken

Wir sagen uns von der Vergangenheit los und begeben uns wieder in die Gegenwart. Unsere Route führt von Forsvik weiter auf der Straße 202, am See Viken vorbei nach Töreboda. Dort biegen wir auf der Straße Haddebodavägen nach der Brücke links ab und parken auf dem Kiesplatz hinter der Tankstelle INGO (Kungsgatan 1, 545 30 Töreboda). Im ersten Moment ein ungewöhnlicher Rastplatz. Im zweiten Moment jedoch eine tolle Stelle, um gespannt die Boote beim Passieren der Schleusenbrücken auf dem Göta Kanal zu beobachten und dabei den gut gelaunten Bootsfahrern zuzuwinken. Ein schöner und entspannter Zeitvertreib. Zudem bietet der „Coop“ um die Ecke eine gute Möglichkeit, alle Essens- und Getränkevorräte aufzufüllen (Supermarkt Coop Töreboda, Kyrkogatan 20, 545 30 Töreboda).

Wir folgen weiter der Straße 202 Richtung Mariestad, fahren jedoch an dem Städtchen vorbei. Nicht das wir es eilig haben. Im Gegenteil. Wir meiden die Autobahnen, genießen die Natur sowie die grasenden Kühe und lassen uns von den Küstenstraßen treiben. Bis wir auf diesem Weg nordöstlich von Lidköping den Kinnekulle erreichen. Der teils als Naturschutzgebiet ausgewiesene 306 Meter hohe Tafelberg entstand vor rund 500 Millionen Jahren, als sich im Laufe der Zeit verschiedene Schichten aus Algen, Muscheln, Lehm, Sand und Lava übereinandergelegt haben.[3]

Schwedische Flora und Fauna

Vom 1892 errichteten und 19 Meter hohen Aussichtsturm (Kinnekulle Utsiktstorn) hat man einen wunderbaren Blick auf die Umgebung (25 SEK p.P.). Er ist außerdem ein guter Ausgangspunkt zum Wandern. Mehrere Wanderwege, unter ihnen der 40 km lange Kinnekulleleden, führen an seltenen Tier- und Pflanzenarten sowie sehenswerten Naturdenkmälern vorbei.[4]

Rund um die Anhöhe weisen diverse Gedenksteine auf bis zu 200 Jahre zurückliegende historische Gegebenheiten hin, unter anderem auf den tragischen Flugzeugabsturz norwegischer Freiheitskämpfer im Jahr 1944 oder auf den Besuch des schwedischen Kronprinzenpaares im Jahr 2010.

Beim Kinnekullegården legen wir einen zweiten Stopp ein (Kinnekulle, 533 94 Hällekis – Web). Auf dem großzügigen Parkplatz des Restaurants können wir uns den Stellplatz nahezu aussuchen. Vorbei am Restaurant erklimmen wir den kurzen Anstieg und gelangen zum Vindarnas tempel, eine liebevoll arrangierte Outdoor-Ausstellung.[5]

Sie informiert in drei Sprachen (Deutsch, Englisch und Schwedisch) und mit zahlreichen Illustrationen über Kinnekulle, die Naturschutzgebiete sowie die heimische Flora und Fauna.[5] Wendet man den Blick ab von den Informationstafeln hin zum Tal, ergreift einen auch an dieser Stelle die scheinbar endlose schwedische Weite. Definitiv ein Platz zum Verweilen. Über den im Zickzack verlaufenden Holzweg ist der Tempel auch für Rollstuhlfahrer oder Kinderwagen erreichbar.

Auf der Suche nach einem Stellplatz

Heute haben wir viel über die Geschichte und die Natur Schwedens gelernt. So langsam werden unsere Beine müde und unser Kopf schwer. Auf der Suche nach einem Stellplatz für die Nacht landen wir am Hafen Blombergs Båtsällskap (Blombergs Hamn, 533 93 Källby – Web). Ein vor der Schranke aufgestelltes Hinweisschild macht uns allerdings direkt und unmissverständlich klar, dass über Nacht abgestellte Wohnmobile hier nicht geduldet werden.

Obwohl wir somit noch nicht am „Ziel“ angekommen sind, locken uns die vorherrschende Stille und die letzten Sonnenstrahlen ans glitzernde Wasser. Wir laufen bis zum Kai und beobachten, zunächst in der Ferne, dann aus nächster Nähe ein nachgebautes, segelndes Wikingerschiff. Die Besatzung winkt uns fröhlich zu und scheint sich zum Anlegen bereit zu machen.

Wir kehren zu unserem „Leo“ zurück und überlegen, wie und wo wir die Nacht verbringen. Wir beschließen erst einmal loszufahren und spontan auf die sich ergebende Situation zu reagieren. Gesagt, getan. Kaum 100 Meter weiter, biegen wir nach links ab und stehen plötzlich auf einem Parkplatz, der an eine wunderschöne Badebucht grenzt (Blombergs badplats, 531 95 Källby) – ohne Park- oder Übernachtungsverbot. Stattdessen erneut mit einem traumhaften Sonnenuntergang. Welch ein Glückstreffer!


Unser Fazit: Forsvik Bruk lohnt sich für einen Abstecher. Umgeben von den noch gut erhaltenen Häusern sowie Brücken und dem alten, in die Nase steigenden Maschinenöl taucht man regelrecht in die Geschichte des kleinen Örtchens ein. Das unscheinbare “Kafé Ada” lädt nach der Besichtigung zu Kaffee und Kuchen ein. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite des Cafés ist ein Parkplatz mit wenigen, mit etwas Glück sogar schattigen Plätzen (auch für ein Wohnmobil).

Wer Zeit hat, sollte die stark befahrenen Hauptstraßen und Autobahnen meiden. Die schwedische Natur gehört unserer Ansicht nach wirklich zu den schönsten.

In den Naturschutzgebieten von Kinnekulle kann man mehrere Tage verbringen. Laut Reiseführer seien insbesondere „die touristisch wenig erschlossenen Gebiete am Vänern eine Art schwedische Provence“.[3]

Die Suche nach geeigneten Übernachtungs- und Stellplatzmöglichkeiten mit dem Wohnmobil sind gar nicht so leicht zu finden, wie wir ursprünglich gedacht haben. Vor allem in der Nähe von Seen, Häfen oder Buchten braucht es eine gehörige Portion Glück.

Quellenangaben:
[1] https://www.schwedentipps.se/vaestergoetland/forsviks-bruk/ (letzter Abruf: 25.07.2020)
[2] Südschweden, Reise Know-How-Verlag Peter Rump GmbH, 2017, 2. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 163f.
[3] Schweden, Reisebuchverlag Iwanowski GmbH, 2016, 13. Auflage, ISBN 978-3-86197-153-5, Seite 351f.
[4] Südschweden, Reise Know-How-Verlag Peter Rump GmbH, 2017, 2. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 168f.
[5] http://www.hallekis.com/arkiv/xx050520a.htm (letzter Abruf: 25.07.2020)

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