Zugegeben, die Nacht war etwas ungewohnt. Sich einfach auf einen Parkplatz zu stellen und dort zu übernachten, fühlt sich irgendwie befremdlich an. Aber die Abgeschiedenheit inmitten der Natur fühlt sich zugleich nach Urlaub an. Eine schöne Gelegenheit direkt nach dem Frühstück ein paar Meter ins Grüne zu wandern: Die Regentropfen der vergangenen Nacht perlen langsam von den Gräsern und der frische Waldgeruch hängt in der Luft. Da stört es nur minimal, dass sich die Sonne nicht blicken lässt.
Välkommen till rastplats Koviken
Zurück im Wohnmobil starten wir unsere heutige Etappe. Wir fahren auf die E20, wechseln bei Brändasen auf die E50 und folgen knapp acht Kilometer der E49 nach Askersund. Am Rastplatz Koviken legen wir eine Pause ein (Trafikverkets rastplats Koviken // 49, 696 93 Aspabruk). Ein schuhbreiter, versteckter Trampelpfad führt hinunter zum Wasser. Wir setzen uns auf einen der Felsen, umgeben von Bäumen und schauen auf den türkisblauen See Vättern. Wie bestellt, gestellt sich in diesem Moment die Sonne zu uns. Wir beobachten die Enten auf der in der Ferne liegenden Insel und hören das Säuseln des Windes in den Baumkronen. Uns fällt es nicht nur schwer weiterzufahren, sondern sogar sehr schwer. Ein ungeahnt idyllisches Fleckchen Erde.

Nach ca. zehn Kilometern sehen wir einen Abzweig zum Nationalpark Tiveden. Das insgesamt 13 km² große Gebiet liegt an der Nordspitze des Vättern[1] und ist nur mit eigenem Fahrzeug zu erreichen. Am besten steuert man den 1983 gegründeten Park[2] direkt über das Besucherzentrum am Haupteingang (Huvudentrén) an. Verschiedene Wander-, Kanu- und Fahrradstrecken laden den Besucher ein, diese „südlichste Wildmark Schwedens“ zu erkunden.[3]


Ein bisschen „Heimat“
Unsere Wahl fällt auf den Trail Stenkällen. Er misst zwar lediglich 900 Meter, ist aber landschaftlich äußerst reizvoll. Während wir zu Beginn zwischen sattgrünen Nadelbäumen umherwandern und über Holzplanken das Moor bezwingen, bringen uns die steilen Anstiege über schmale Holztreppen hinauf zum Berg. Als Belohnung erwartet uns eine tolle Aussicht, bei gutem Wetter sogar bis zum Vättern.[3] Die gesamte Landschaft mit ihren Grotten, Felsritzen und Waldseen ist in Folge der Eiszeit vor Zehntausenden von Jahren entstanden.[3],[4] Ein wunderbarer Anblick von dort oben.




Bevor wir den Abstieg antreten, machen wir Bekanntschaft mit einem jungen Pärchen. Er Schwede, sie Baden-Württembergin. Wie klein die Welt ist. Wir plaudern ein wenig, tauschen Reisetipps aus und freuen uns gemeinsam über einen kurzen Moment „Heimat“. Beschwingt, aber auch mit einer gehörigen Portion Respekt wagen wir uns an den Abstieg über kleine und große Felsschluchten. An einzelnen Stellen schützt lediglich ein Holzzaun vorm Abrutschen und in die Tiefe stürzen. Sowohl Menschen mit Höhenangst als auch Schlechtwetter-Kletterern ist unserer Meinung nach dringend von dem Trail abzuraten.
Zur Überbrückung der Nacht gönnen wir uns einen Stellplatz beim nahegelegenen Campingplatz Stenkällegården (54695 Karlsborg – Web). Je nach Saison kostet der Stellplatz 240-310 SEK (exklusive Strom) bzw. 280-370 SEK (inklusive Strom). Aufgrund der Vorsaison haben wir die freie Auswahl und entscheiden uns für einen grünen Randplatz mit Blick auf den Sonnenuntergang. Bei einem leckeren, selbst zubereiteten Abendessen lassen wir den Tag ausklingen.


Unser Fazit: Der Nationalpark Tiveden ist einfach und schnell zu erreichen. Es gibt drei Zugänge: Den Haupteingang, den Eingang Vitsand und den Eingang Ösjönäs. Das Besucherzentrum beim Haupteingang informiert mit Broschüren über die Besonderheiten des Parks und die möglichen Aktivitäten. Die Trails sprechen jedes Fitness- und Konditionslevel an, wobei die beliebtesten auf der Internetseite des Nationalparks beschrieben sind. Dort gibt es PDFs mit Angaben zum Höhenprofil und zur jeweilige Beschaffenheit. Außerdem vermitteln Google Street View-Links einen ersten Eindruck von der Umgebung.[5]
Uns hat vor Ort besonders die Unberührtheit und Abgeschiedenheit fasziniert. Im einen Moment fühlt man sich wie im Urwald, im anderen genießt man die Fernsicht über die Baumkronen. Dazu der Geruch von Moos und Tannengrün sowie der Blick auf den blau schimmernden See, den die Bäume zwischendurch immer mal wieder freigeben.
Wandern und Radfahren macht hungrig. Wer Lust zum Grillen bekommt, nutzt am besten die extra dafür eingerichteten Feuer- und Grillstelle beim Besucherzentrum.
Quellenangaben:
[1] https://www.sverigesnationalparker.se/park/tivedens-nationalpark/upplevelser/vandra-langs-stigar-och-leder/ (letzter Abruf: 25.07.2020)
[2] Tiveden Nationalpark Broschüre, Natur Vårds Verket, 2017
[3] Schweden, Lonely Planet Global Limited, MAIRDUMONT, 2018, 5. Auflage, ISBN 978-3-8297-4598-7, Seite 137
[4] Südschweden, Reise Know-How-Verlag Peter Rump GmbH, 2017, 2. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 434
[5] https://www.sverigesnationalparker.se/park/tivedens-nationalpark/upplevelser/vandra-langs-stigar-och-leder/ (letzter Abruf: 25.07.2020)