Nimm das Schicksal in die Hand – aber erdrück es nicht

Mein Mann erzählte mir heute von einem Todesfall, den er beim Besuch eines Kunden miterlebt hat. Ein Herr ist während des Mittagessens einfach zusammengebrochen. Von einer Sekunde auf die andere. Ein kurzer, flüchtiger Moment, der nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Hinterbliebenen veränderte. Weder mein Mann noch ich kannten den Herrn, aber trotzdem ließ uns das Geschehene nicht unberührt. Es macht uns mal wieder sehr eindrücklich bewusst, wie plötzlich das Leben vorbei sein kann.

Es ist wie ein Wachrütteln.

Keiner von uns weiß, was morgen passiert. Keiner weiß, was das Schicksal oder – allgemein gesprochen – das Leben für uns bereithält. In Sekundenbruchteilen kann alles zum Stillstand kommen – ohne Kompromiss, ohne Einwand, ohne Ausrede. Auf gewisse Weise eine sehr beängstigende Vorstellung. Vielleicht aber auch nicht. Eine wie oben beschriebene Situation kann auch dazu führen, sein Leben mal wieder aus einer anderen Perspektive zu betrachten und über das eigene Leben nachzudenken. Über die Zeit, die einem noch bleibt, und vor allem, wie man diese Zeit verbringen möchte.

Was ist einem WIRKLICH wichtig?

Die Erwartungshaltungen an das Leben sind komplett verschieden. Jeder hat andere Sehnsüchte und andere Wünsche. Egal, wie groß oder klein, wie nichtig oder real jeder Einzelne sie für sich betrachtet. Ich finde, es ist nur wichtig, sie sich hin und wieder bewusst zu machen. Was will man noch erreichen? Mit wem möchte man diese Erlebnisse teilen?

In Gesprächen mit Freunden oder Kollegen, in denen beiläufig die Frage gestellt wird, was man gerne irgendwann noch machen möchte, wohin man reisen, was man erleben möchte, gebe ich häufig als Antwort: „Da muss ich mal auf meine Löffelliste schauen“. Eine „Löffelliste“ oder auch „Bucket List“ sollte Dinge enthalten, die man machen möchte, bevor man stirbt („den Löffel abgibt“). Das können große Dinge wie ein Bungee Jump, aber auch kleine Ziele wie ein eigener Flohmarktstand sein.

„Sei deines eigenen Glückes Schmied“

Es ist absolut egal, was oder wieviel auf der Löffelliste steht. Es zählt nur eins: Es müssen Dinge sein, die erreichbar sind und deren Erfüllung einen zufrieden und glücklich machen. Meiner Meinung nach bestimmt man unter anderem genau damit in gewisser Weise sein Glück – und sein Schicksal. Wir sind selbst dafür verantwortlich, dass es uns gut geht und dass wir Freude am Leben haben.

Selbstverständlich kann nicht jeder Tag von überschwänglicher Freude geprägt sein. Wie beim Wetter wird der Sonnenschein hin und wieder von dicken Regenwolken verdrängt. Zumeist handelt es sich bei den dunklen Wolken um Probleme, die den Platz des Glücks und der Zufriedenheit ungefragt für sich in Anspruch nehmen. Leider lassen wir sie häufig einfach gewähren. Wir stellen sie über Gesundheit, Familie und Zeit mit den Menschen, die wir lieben. Aber sind sie das wert? Müssen wir den meisten Problemen wirklich so viel Bedeutung beimessen?

Mal abgesehen von existenzbedrohenden Angelegenheiten. Das Gros sind die vielen, kleinen sogenannten „Alltagsprobleme“. Lässt man zu, dass sie sich jederzeit in den Vordergrund drängen, blockieren sie uns in unserem Denken und Handeln.

Wie viel Raum darf ein Problem einnehmen?

Was wäre, wenn wir selbst bestimmen könnten, wann und wie viel Raum das jeweilige Problem einnehmen darf? In der Trauerbewältigung gibt es eine Methode mit dem Verlust eines Menschen umzugehen, indem man der Trauer und dem Schmerz explizit Zeit einräumt. Wann diese Zeit ist und wie lange sie andauert, entscheidet man selbst. Wichtig ist nur, sie zu definieren, z. B. wenn man von der Arbeit nach Hause kommt, und vehement dagegen anzukämpfen, wenn der Schmerz sich außerhalb dieser Zeit in einem breit machen möchte. Dieses Vorgehen soll zum einen vor dem Verdrängen und zum anderen vor dem Dominieren der Trauer schützen.

Gleiches wollen wir doch hinsichtlich Problemen auch, oder? Wir wollen sie lösen, aber sie sollen dabei nicht unseren gesamten Tag und jeden Gedanken bestimmen. Es käme also auf einen Versuch an, diese Methode auf die Problembewältigung und -lösung anzuwenden. Sich gezielt Zeit nehmen, ein Problem aus der Welt zu schaffen, lässt uns vielleicht auch schneller erkennen, wann es unbedeutend ist und wann es mehr Aufmerksamkeit bedarf.

Gemeinsame Zeit!

Nachdem mein Mann das zu anfangs erwähnte, tragische Erlebnis erzählt hatte, haben wir uns einfach nur stumm in die Augen geschaut. Es lässt sich gar nicht in Worte fassen, wie wenige Gedanken einem in diesem Moment durch den Kopf gehen. Es wird einem klar, wie nichtig so manches Problem ist, dass jedes irgendwie lösbar ist und dass doch eigentlich nur die Zeit zählt – die GEMEINSAME ZEIT. Und das ist das einzig WIRKLICH Wichtige in unserem Leben. Wir haben uns. Wir wissen, was uns glücklich macht, was wir noch erleben und was erreichen wollen. Wir haben unser Schicksal in der eigenen Hand.

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