Von unserem direkt am Clearwater Beach liegenden Hotel haben wir aufgrund unserer späten Ankunft am Vorabend nicht mehr viel gehabt. Daher beschließen wir einfach den nächsten Tag mit einem kleinen Obstfrühstück dort zu starten. Wir suchen uns einen netten Schattenplatz unter den Palmen und genießen die vorbereiteten Leckereien. Als plötzlich ca. 100 Meter von uns entfernt junge Männer von der Polizei gejagt werden und wir Zeugen einer Verfolgungsjagd werden. Sie rennen durch den Sand und springen über Liegestühle. Während die Polizei zwei der Männer relativ schnell stellen kann und mit im Anschlag gehaltenen Pistolen in Schach hält, finden sie den letzten versteckt in einer Strandmuschel. Die ganze Zeit warten wir auf das „Cut“ eines CSI-Regisseurs. Vergeblich. Wir müssen uns eingestehen: Das ist Amerika!
Tourismus vs. Industrie
Vom Schrecken erholt, steigen wir ins Auto und steuern über die I-275 Tampa an. Schon als wir die ersten Hochhäuser sehen, spüren wir, worin sich die häufig als Schwestern oder sogar Zwillinge genannten Städte St. Petersburg und Tampa unterscheiden: Tampa ist eine Industriestadt, die nicht vom Tourismus lebt.[1] Sie wirkt sehr modern und geschäftig. Nichtsdestotrotz wollen wir uns selbst ein genaueres Bild von ihr machen.

Wir suchen uns einen preisgünstigen Parkplatz und starten unsere Erkundungstour bei der University of Tampa (Kennedy Boulevard). Die Hochschule besteht aus mehreren Gebäuden, wobei der Hauptbau das ehemalige Tampa Bay Hotel ist. Es wurde 1891 vom Eisenbahnmagnat Henry B. Plant im maurisch-türkischen Stil erbaut und galt mit seinen 511 Zimmern, elektrischem Strom, Aufzug und Telefonen als das modernste und beste Hotel seiner Zeit.[1] Das Interieur versprüht noch heute beim Betreten diesen alten, einzigartigen Charme. Ein kleines Museum im Südflügel blickt auf die Geschichte zurück.[2]
Architektonische Gegensätze
Wir laufen durch den Flur, verweilen einen Moment in den alten Sesseln und lassen die kleine Zeitreise auf uns wirken. Es scheint, als würde die Zeit hier drinnen stillstehen. Das Gebäude ist auch draußen hübsch anzusehen. Mit den minarett-ähnlichen Türmen und roten Backsteinen wirkt es wie ein verwunschenes Schloss.



An das Gelände der Universität schließt sich unmittelbar der Henry B. Plant Park an, der ursprünglich Teil des Tampa Bay Hotels war. Verschlungene Wege führen an das Ufer des Hillsborough Rivers, von dem man einen wunderbaren Blick auf die auf der gegenüberliegenden Seite in die Höhe ragenden Hochhäuser hat. Der Park bietet die Möglichkeit, ausgiebig unter den schattenspendenden Blätterdächern zu picknicken, auf den Bänken das glitzernde Flusswasser zu beobachten oder mit Hilfe der Skulpturen und historischen Beschilderung etwas für über die Stadtgeschichte zu erfahren. Wir machen von allem etwas. Bevor uns langsam, aber sicher der Hunger ergreift.
„Klein-Kuba“
Wir fahren daher nach Ybor City, einem historischen Latino-Viertel in Tampa, das vor allem für seine Zigarrenherstellung und deren Verkauf berühmtberüchtigt war und ist. Don Vincente Martinez-Ybor gründete im Jahr 1886 die erste Zigarrenfabrik und schaffte damit den Grundstein für „ein rechtwinkliges, jeweils 11 Block umfassendes Quartier im Norden von Downtown Tampa“.[3] Die Übersiedlung von weiteren Kubanern verhalf dem Städtchen einen geschäftigen Aufstieg und den Beinamen „Klein-Kuba“. Mit der Industrialisierung verkam Ybor City jedoch so schnell, wie es aufgestiegen war. Erst in den 1990er-Jahren wurden die heruntergekommenen Häuser und Fassaden restauriert und die Straßen wiederbelebt.[3]


Die 7th Avenue (auch „Setima“ genannt) ist die Hauptstraße des Viertels.[4] Links und rechts erinnern die alten Holz- und Ziegelbauten mit ihren schmiedeeisernen Balkonen und den Arkaden an die damalige Fabrikarbeiterzeit. Heute befinden sich in Ybor City zwischen den vielen Zigarrenläden zahlreiche Restaurants, Imbisse, Jazz- und Tanzclubs. Wir finden etwas Leckeres zu essen und schlendern weiter die Straße entlang. Dieses Mal aber wieder Richtung Auto. Wir setzen unsere Reise Richtung Orlando fort.
Unser Fazit: Tampa und Ybor City könnten kaum unterschiedlicher wirken. Beide besitzen an einzelnen Orten ein historisches Flair, doch ihre Entwicklung verlief in verschiedene Richtungen. Tampa hat sich zu einer modernen Metropole mit vielfältigen Stadtteilen entwickelt, während Ybor City als historisches Viertel seine kulturelle und architektonische Identität bewahrt hat. Der Stadtteil vermittelt ein deutlich ruhigeres, traditionelleres Ambiente und hebt sich spürbar vom schnellen, urbanen Rhythmus Tampas ab.
Quellenangaben:
[1] Florida, VISTA POINT Verlag GmbH, Potsdam 2017, 11. Auflage, ISBN 978-3-95733-637-8, Seite 183
[2]Florida, KARL BAEDEKER GmbH, Ostfildern 2018, 13. Auflage, ISBN 978-3-8297-4640-3, Seite 285
[3]Florida, KARL BAEDEKER GmbH, Ostfildern 2018, 13. Auflage, ISBN 978-3-8297-4640-3, Seite 286
[4]Florida, KARL BAEDEKER GmbH, Ostfildern 2018, 13. Auflage, ISBN 978-3-8297-4640-3, Seite 288